FOTOGRAFIE Carsten Klein | art


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Talita kum

Die spezifische Architektur des Kirchenbaus, insbesondere die gotische, die eine Anlehnung an die Natur, sprich Wald sucht, inspirierte mich zu dieser Arbeit. Das Monumentale, Unantastbare, das die Großartigkeit ''im Stein'' verkörpert wird in meinen Bildern durch die Natur, die sich sichtbar im Umkehrungsprozess an den gebauten Strukturen orientiert, aufgebrochen. Der geschlossene Raum wird geöffnet und zugänglich gemacht für das Licht und den Himmel. Die Natur erobert durch den Menschen besetzte Flächen zurück. Als Metapher verstanden ist dies ein Appell.

Die Bildstrecke Talita kum (Titel entnommen aus Mk 5/41) behandelt somit das Thema Institution Kirche und deren frühzeitige Entwicklung zu einem Machtapparat. Die Bilder wollen einfach in Ihrer Darstellungsform eine ''Renaturierung'' zu Ihren Ursprüngen einfordern.
Sowohl die Kirchen als auch die Landschaften sind mit einer Großformatkamera (4x5 Inch) aufgenommen. Die Bilder sind durch Mehrfachbelichtungen entstanden.

Talita kum (Mk5/41)
Mädchen ich sage dir , steh auf!

Ich habe mich in meinem Leben nie zuhause gefühlt. Dieses Problem, dass ich immer
dieses Gefühl habe, dass ich nirgendwo zuhause bin, ist eines, das mich mein ganzes Leben begleitet. Es nimmt in seiner Intensität nicht ab, je älter ich werde.

Das Gegenteil ist der Fall. Du hast gotische Kathedralen fotografiert, die im späten Mittelalter entstanden sind. Und diese Kirchen, als sie damals von den Menschen gebaut wurden, verkörpern ja auch diese Idee, dass man es hier in der Stadt auf der Erde nie ausgehalten hat und man brauchte diese Kirchen, mit diesem Licht da oben, um sich hier heimisch zu fühlen.

Das ist einer der wesentlichen Gedanken, warum ich diese Serie gemacht habe, denn die Gotik ist aus einer Wahrnehmung der Natur entstanden. Aus einem Gefühl für den Wald. Der Baum strebt ja immer nach oben, der will höher und höher und darin finden die Baumeister dieser Zeit die Idee für ihre Architektur: Können wir nicht so eine Kirche bauen?
Und es ist egal, ob Du es nun bist oder der gotische Baumeister, jedes mal zeigt sich dieses Streben nach mehr, nach einem geistigen Heim.

Und diese Strebung bringt den Menschen, ob er ein Bild betrachtet oder in der Kirche sitzt, woanders hin. Und die Kirche formuliert es dann architektonisch: Wir wollen hier raus, Leute!

Und da hast Du dieses Talita kum, diesen geistigen Disput, der einmal zu diesem Gefühl für die Natur führt, dann wieder zum geistigen Erleben der Kultur mit all ihren Symbolen und eben auch den Dogmen. So geht es die ganze Zeit hin und her, zwischen dem Gefühl für die Natur und dem Gefühl für die Kultur. Und ich frage mich, ob das Bild, von dem ich ausgehe, die Kraft hat dir das Gefühl der Einheit zu geben, weil Du dich darin verlierst?

Ein Genuss ist das, wenn die Pole verschmelzen. Ich erlebe das Ereignis während der Betrachtung, dann hebt das Bild selbst die Pole auf. Das ist die große Illusion. Aber, sobald ich mich abwende, so zerfällt diese Einheit wieder in ihre Darsteller, und ich muss mich entscheiden, weil ich mich der Einheit nur aus der einen oder anderen Perspektive nähern kann.

Dann zeigt das Bild seine Nähe zum Geistigen, und mit dem Geistigen meine ich jetzt nicht, mit Worten alles auseinander legen zu wollen, weil das Bild nonverbal ist. Beim Sprechen differenzieren wir. Du machst einen Strich, Du sagst ein Wort, Du sprichst und hast schon
differenziert, weil dieser Grenze eine Entscheidung voranging und all das zerfällt in Millionen von Fragmenten, die Du nicht mehr aufheben kannst. Uns als geistige Wesen zu betrachten und zu sehen bedeutet, dass wir gar nicht mehr so sehr an diesem Körper hängen, der sowieso alt wird und stirbt, wie man so sagt. Aber im Bild können wir diese
Unendlichkeit spüren, das Gefühl, dass es dann weitergeht. Wir haben ja immer wieder dieses Problem mit der Endlichkeit.

Also das Geistige, wie Du sagst, auch von deiner Körpersprache her, kam mir so vor wie eine Erleuchtung, die Du im Betrachter suchst. Dass Du selbst so sehr in die Auseinandersetzung gehst, dass im Geistigen plötzlich ganz, ganz viel Licht von oben kommt.

Ich weiß, was Du meinst. Ich bin schon noch sehr geprägt durch die Behandlung des Sublimen, dann kam ich vom Sublimen auf die abstrakten Expressionisten, dann kam die Überlegung von Rothko, dass er gefragt hat: Kann ein Farbenspiel, das pulsiert und eindringt und ausdringt, kann es beim Menschen ein nonverbales Ereignis auslösen,
dass er zum Geistigen kommt. Mit dieser Fragestellung, da hab ich sehr viel gearbeitet und diese Gedankengänge, die haben mich in der Kunst schon immer sehr fasziniert: Kann ein Bild einen anderen Menschen so sehr berühren, dass er emotionale Klarheit bekommt. Und emotionale Klarheit hat definitiv damit zu tun, dass Du – sagen wir's direkt – eine
Gottesnähe, eine Aufgehobenheit spürst.

Aber ist das nicht der Moment des eigenen Verschwindens.

Der Körper verschwindet. Du verschwindest nie.

Vielleicht verschwindet beides, Subjekt und Objekt, wenn Du auf den Auslöser drückst. Danach existiert das Bild nur noch als Vorstellung in dir, weil Du analog fotografierst, und jetzt suchst Du nach dem zweiten Pol. Was bedeutet es dir analog zu fotografieren, dass du noch einen bzw. zwei klare Referenten hast?

Ja, es ist erst mal so, dass es mir innerhalb der Vorbereitungen zur Ausstellung immer wichtiger wurde, nicht nur die abgezogenen Bilder zu zeigen, sondern auch die Negative dazu. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen um eine klare Antwort auf diese ewige digitale Frage zu geben: Ist das am Computer gemacht? Nein, ist es nicht, und das beweist dieses Negativ! Und das Zweite ist, mit diesem Negativ zu zeigen, dass es noch einen Zwischenschritt gibt. Es passiert nicht sofort; du fotografierst nicht und hast das Bild im Kasten als 0 und 1.

Wenn man Bilder nur noch synthetisch mit dem Computer produziert, dann zerfällt eben auch die Illusion, die Photographie zeige etwas wirkliches. Und die Photographie verliert ihren bildgebenden Charakter, ihre Weltoffenheit. Aber Du drehst diesen Prozess in Talita kum einfach um und zeigst uns, die Kombination zweier wirklicher Objekte kann zu
etwas drittem führen – der reinen Vorstellung. Dann ist das Bild zu seiner eigenen Referenz geworden.

Mir scheint, wir fangen bald an so zu denken als gäbe es zwischen plus und minus keine Zwischentöne mehr, als ob wir selbst diese binäre Denke der Computerwelt übernähmen. Entweder ist etwas Null oder Eins. So selektiert man heute. Und deswegen will ich auch die Negative präsentieren um zu zeigen, das gehört zusammen und macht uns aus. Denn die bildliche Vorstellung entsteht in diesem unsichtbaren Zwischenschritt der Photographie und so erscheint das Geistige. Und zum Anderen frage ich mich, ob ich es schaffe einen riesigen Problemkomplex nur über die Betrachtung eines Bildes anzusprechen. Wenn Du
dich in der Betrachtung verlierst und dir Fragen stellst, dann soll das Bild am Ende nur der Initiator dieses Akts gewesen sein, der dir Gefühle eröffnet, die dich weiter tragen. Dann hat das Bild seinen Dienst getan und dich auf andere Ebenen geführt. Und auf andere Ebenen heißt hier, das Geistige, das jetzt plötzlich zu dominieren beginnt, wenn Gefühl und Gedanke zur Einheit werden und Du das Gefühl hast, so ist es richtig.

Interview von Norman Bruckmann mit Carsten Klein zu "verstrickt" 2015

 

   


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